Folgenden Text hat ein unterfränkischer Pirat auf unsere Mailingliste geschickt und Applaus bekommen. In Absprache mit ihm veröffentliche ich diesen Text.
Ahoi Piraten,
ich habe lange nichts mehr von mir hören lassen. Das hatte verschiedene Gründe.
Trotzdem möchte ich die Mailingliste (vielleicht missbräuchlich, was mir aber aktuell egal ist) nutzen, um mein persönliches Resümee für dieses Jahr abzuwerfen.
Vielleicht fühlt sich ja der eine oder andere angesprochen oder berührt. Oder was auch immer. Jedenfalls muss ich das jetzt mal loswerden.
Und: Es ist meine Meinung, und verdammt, ich sage und schreibe sie, wie, wann und wo es mir passt!
Das Jahr 2010 geht dem Ende entgegen. Ein seltsames Jahr. Ein Jahr, in dem wir laut Arthur C. Clarke Kontakt hätten aufnehmen sollen. Ein Jahr, in dem jedoch jeglicher Kontakt endgültig abgebrochen wurde. Traurig, dass wir heute, im Dezember 2010 näher an Orwells "1984" als an Clarkes Weltraumepos "2010".
Es begann wie immer. Kalt. Nass. Im Büro. Gleichgültig. Ein wenig enttäuscht noch von der Bundestagswahl und der schwarz-güldenen Koalition. Tiefer wurde die Enttäuschung, als der Bail-Out für Griechenland im Februar Fakt wurde. Europa. Der zerbrochene Kontinent. Keine Chance ihn zu flicken, den Teppich der 1000 Völker. Nicht einmal der machtvolle, so zukunftsweisende Euro vermag Europa aus seiner dreitausendjährigen Zersplitterung zu führen. Der Mammon ist nicht stark genug. Und die Ziele der Herrscher nicht zu ergründen. Dann kippt das Parlament der EU das SWIFT-Abkommen. Es gibt sie also noch, die Parlamentarier und Demokraten. Und das da, wo man sie am wenigsten vermutet, so glaubt man.
Im März erklärt das Verfassungsgericht der Republik die Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig. Sollte es doch wahr sein, dass das System funktioniert und selbstheilende Kräfte hat?
Und immer dabei: Afghanistan. Das Land, in dem ich lebe - das Land, in dem man bis in die 80er in jedem Schuljahr gepredigt hat: „Deutsche sind schuldig“ - führt Krieg. Krieg gegen Terroristen. Und Krieg gegen sein eigenes Volk. Eindrucksvoll bewiesen mit der Wahl des Bundespräsidenten. Still, ohne Feuer und Schwert wird der Wille des Volkes ignoriert. Intransparent. Desinformation. Machterhalt. Alternativlos.
Die Hoffnung stirbt zu letzt. Mittendrin in der Abgangsreihe steht SWIFT. Noch 5 Monate zuvor abgewiesen, tritt es, ich verstehe bis heute nicht, wie das geschehen konnte, dann doch in Kraft. Die Ohnmacht der Völker. Der Staat beweist es uns an anderer Stelle. Eindrucksvoll. Mit Wasserwerfern und Schlagstöcken. Mit polizeilicher Kavallerie und Gas. Die Proteste in Stuttgart werden niedergeknüppelt. Rentner und Jugendliche als Randalierer diffamiert. Alternativlos.
Im November der ePass. Mit jedem Monat, mit jedem Tag, der vergeht, schreiten wir weiter voran. Zum Abgrund des Überwachungsstaates. In den Albtraum der ritualisiert pseudo-demokratischen Oligarchie. Castoren rollen. Was bei S21 nicht geht, geht bei der Atomkraft. Demokratisch durch alle Instanzen entschieden, ist in einem Fall richtig im anderen Falle falsch. Zweierlei Maß. Imperial. Hegemonial. Alternativlos.
Es folgt die Lüge von Cancun. Klimaschutz, der Witz der Geschichte. Dann der, wenn auch vergebliche, Schlag der Staatsmächte gegen Wikileaks und die Freiheit der Rede. Bestrafung und Urteil. Vorauseilender Gehorsam der Konzerne, vor den Oligarchen des Westens Kotau machend. Widerlich. Ekelhaft. Alternativlos.
Um allem noch dem Fass den Boden aus und dem Bürger ins Gesicht zu schlagen, beschloss die bundesrepublikanische Oligarchie noch den JMStV. Jugendschutz als Zensurgrund. Schon wieder. An Inkompetenz nicht zu überbieten. Wenn NRW den JMStV stoppt, dann nicht aus Gründen der Vernunft, sondern aus dem einzigen Grund, aus dem unsere Herrscher heute noch in Parlamenten sitzen: Um jemandem eine mitzugeben. Es geht nicht mehr um Inhalte. Es geht nur noch darum, mit grinsender Visage Radau auf höchster Ebene zu machen. Blender. Täuscher. Spiegelfechter. Alternativlos.
Damit nicht genug, richtet der Staat, der mir Heimat ist, für die öffentlich-rechtlichen mit dem neuen Rundfunkbeitrag das Festbankett. "Fresst euch satt an uns!", möchte man schreien. Es stellt sich die Frage: Wurde der BEITRAG bei den Hatz IV-Sätzen berücksichtigt? Ich bin kein gläubiger Mensch, eher Agnostiker, doch diejenigen, die sich auf unserer "jüdisch-christlichen Wurzeln" berufen, sollten dringend die 10 Gebote, die 7 Todsünden und die dazugehörige hebräische, griechische und lateinische kanonische Originalliteratur verinnerlichen, bevor sie Geld eintreiben und die Armen gängeln. Der Weg in den modernen Feudalismus ist bereitet. Und ich stehe auf der Seite der Leibeigenen. Fremdbestimmt. Gedungen. Ausgeliefert. Alternativlos.
Jeden Tag nehmen mir die, die mich vertreten sollen, ein kleines Stückchen meiner Freiheit. Jeden Tag, seit jenem kalten, nassen, Bürotag im Januar 2010, stehlen sie mir ein kleines Stückchen meiner unveräusserlichen Rechte. Sie, die sie herrschen, lügen. Sie winden sich. Sie biegen sich die Realität so hin, wie sie gebraucht wird. Und ich fühle mich jeden Tag ein kleines Stückchen machtloser und ärmer. Ich hoffe, dass den Herrschenden bald entgegengerufen wird, was wahrhaftig Alternativlos ist: Wir, das freie Volk.
Das Jahr endet anders als das Letzte. Dieses Jahr bin ich zornig.

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